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Perspektiefe 56, Maerz 2022

Glaube und Vertrauen: Das 1. Gebot als Grundlage der evangelischen Sozialethik

THEOLOGISCHER BEITRAG: Eine berühmte und besonders prägnante Aussage Martin Luthers über den Glauben lautet: „Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“

von: Pfarrer Dr. Ralf Stroh, Referat Wirtschaft & Finanzpolitik des ZGV

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Die Formel findet sich in Luthers Großem Ka­techismus, einem Text, der die knappen Merksätze des Kleinen Katechismus für die Unterrichtenden erläutert und mit reichhaltigen Beispielen aus der alltäglichen Erfahrungswelt entfaltet. An der Stelle des Zitats wird das 1. Gebot (Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine an­deren Götter haben neben mir) behandelt, und Luther führt eine Reihe von Beispielen dafür an, worauf sich Menschen in ihrem Leben ver­lassen, worauf sie vertrauen und wovon sie ihr Lebens­glück abhängig machen.

Schon damals war es eine naheliegende Op­­tion, den Unsicherheiten des Weltenlaufes dadurch entkommen zu wollen, dass man nach wirtschaftlicher Sicherheit und Unabhängigkeit strebte und darauf all sein Vertrauen setzte:
„Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Para­dies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott.“

„Wer von seinem Le­benspartner erwar­tet, dass er zum Funda­ment seines Lebens­glücks wird, überfordert ihn. Diese Erwartung ist unmenschlich, weil kein Mensch sie erfüllen kann.“
Pfarrer Dr. Ralf Stroh

Letztlich trägt diese Option jedoch nicht. Sie vermag keine absolute Sicherheit zu gewähren. Ent­weder weil auch sie Risiken unterliegt, die sie hinwegspülen können, oder aber weil es Bereiche des Lebens gibt, in denen selbst der größte materielle Reichtum keine innere Ruhe gewährt. Neben materiellen Gütern kommen für Luther auch ideelle Vorzüge nicht als stabile Vertrauensgrundlage infrage. Auch „große Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre“ taugen nicht als Bezugs­punkt grundlegenden Vertrauens in die Be­herrsch­barkeit der eigenen Lebensgeschicke. Keiner dieser Bezugspunkte ist so zuverlässig, so beständig und belastbar, dass nicht doch ein Restrisiko bleibt, in Lebenslagen zu geraten, in denen all dies nicht mehr zu tragen vermag, und wir äußerlich, aber vor allem innerlich in tiefe Kri­sen gestürzt werden. Aus diesem Grund leisten sie nicht, was man mit Fug und Recht von dem Gott erwarten darf, von dem das 1. Gebot handelt:
„Darum sage ich abermal, dass die rechte Aus­legung dieses Stückes sei, dass einen Gott haben heißt: etwas haben, darauf das Herz gänzlich traut.“

Diese zweite, leicht veränderte Fassung („darauf das Herz gänzlich traut“) der Formel, die Luther eingangs bereits genutzt hatte, hilft, ein Missverständnis zu vermeiden, das mit der ersten Formulierung („worauf du dein Herz hängst“) verbunden sein könnte.

 

Vertrauensvolle Zuwendung zur ganzen Schöpfung

Es ist – hoffentlich – völlig klar, dass Eltern mit ganzem Herzen ihren Kindern zugetan sind und Kinder ihren Eltern. Und ebenso sind wir mit ganzem Herzen den Menschen zugetan, die mit uns durchs Leben gehen. Wir empfinden mit unseren Freunden, freuen uns an ihrer Gegenwart und unser Leben wäre ärmer ohne sie. Und auch all den lebensdienlichen Errungenschaften unserer Zivilisation, den technischen ebenso wie den sozialen, begegnen wir nicht nur rein rational, sondern mindestens genauso sehr mit emotionaler Emphase – was man nicht zuletzt dann spürt, wenn wir um ihre rechte Bewahrung, Ausge­stal­tung und Nutzung streiten.

All dies wird von Luther nirgends infrage gestellt, und die Auslegung der übrigen Gebote gibt Zeugnis davon, wie sehr Luther etwa die emotionale Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die Gefühle zwischen Eheleuten und die emotionale Seite der Verantwortung für die Gestaltung unseres Zusammenlebens zu betonen und zu schätzen wusste.

Vielmehr wird in der Auslegung des 1. Gebots durch Luther die Grundlage dafür gelegt, dass wir uns all den Lebensbereichen, die in den späteren Geboten behandelt werden, vertrauensvoll und entschlossen zuwenden können. Es geht ihm in seiner Auslegung nicht darum, dem Vertrauen auf Gott ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Welt entgegenzustellen und als Kern des christ­lichen Glaubens zu behaupten.

Die Pointe seiner Auslegung besteht darin, dass wir uns gerade dadurch den vielfältigen Chan­cen und Möglichkeiten der Schöpfung, ihren Schätzen und Reichtümern, öffnen können, dass wir ihr nicht zumuten, was sie nicht zu leisten vermag. Was ist damit gemeint?

 

Unrealistische Erwartungen münden in Enttäuschung

Wer von seinem Lebenspartner erwartet, dass er zum Fundament seines Lebensglücks wird, überfordert ihn. Diese Erwartung ist unmenschlich, weil kein Mensch sie erfüllen kann. Ebenso: Wer von seinen Kindern erwartet, sein Leben mit Sinn zu erfüllen, überfordert diese. Auch diese Er­wartung ist unmenschlich, weil sie Kindern etwas zumutet, das sie nicht leisten können. Das gleiche gilt natürlich auch für Freundschaften oder den beruflichen Erfolg. Und wer erwartet, dass materielle Sicherheiten die Grundlage von Lebens­zufriedenheit bieten, wird nie an ein Ende damit kommen, sich in materiellen Dingen abzumühen, weil diese eben auch nicht leisten können, was er ihnen zumutet.

All diese vergeblichen Bemühungen führen letztlich dazu, dass die wirklichen Chancen und das wirkliche Glück, das mit diesen Lebens­be­reichen verbunden ist und in ihnen liegt, über­sehen wird. Statt diese Schätze zu heben, beschädigen wir sie durch unser Tun, weil wir sie nicht sein lassen, was sie sind.

Das unrealistische Vertrauen in die Möglich­keiten dieser privaten wie öffentlichen Lebens­bereiche mündet fast unweigerlich in eine bittere Enttäuschung; eine Verbitterung, die tiefes Misstrauen mit sich führt und die Schuld für diese Enttäuschung in finsteren Machenschaften sieht, für die sich dann meist schnell Verantwortliche finden lassen. Da es für die unrealistische Erwar­tungshaltung aber keine rationale Grundlage gab, lässt sich auch nicht rational dagegen argumentieren. Was bleibt, ist eine tiefe Verstörung, eine Krise des Zusammenlebens im privaten wie im öffentlichen Leben.

 

Vertrauen und Verantwortung

Es ist diese Einsicht, weshalb die reformatorische Theologie – mit Luther an ihrer Spitze – darauf hingewiesen hat, dass im 1. Gebot die Grundlage gelegt wird für eine humane und unverkrampfte Gestaltung unseres Zusammenlebens. Gottver­trauen ist das Fundament eines Umgangs miteinander, der Menschen mit menschlichen Erwar­tungen gegenübertritt und die Schöpfung eben Schöpfung sein lässt.

Gottvertrauen in diesem Sinne ist gerade nicht die Verweigerung, selbst Verantwortung zu übernehmen, sondern der Horizont, in dem Ver­antwor­tung überhaupt realistisch, das heißt mit Boden­haftung und nicht abstrakt, wahrgenommen wer­den kann. Aus Gottvertrauen folgt jenes Ver­trauen, das uns selbst und unseresgleichen wie auch der gesamten Schöpfung vertrauensvoll begegnen kann, weil sie um unsere und ihre Grenzen weiß.

Vertrauen, das keine realistische Grundlage hat und überzogene Erwartungen mit sich führt, muss zum Misstrauen werden. Vertrauen, das das menschliche Maß bewahrt, kann dagegen Miss­trauen überwinden.