Prof. Stefan Claaß, Theologisches Seminar Herborn; Foto: privat


Perspektiefe 49, September 2019

Der Glaube kommt aus dem Hören (Römer 10,17)

IMPULS: Das Ohr ist hochaktiv: Die Kirchentür ächzt in ihren Angeln, womöglich kommt ein „Guten Morgen“ entgegen. Stimmengemurmel, Räuspern, Orgelklänge. Irgendwo rechts trifft jemand die Töne beim ersten Lied nicht. Zu hoch am frühen Morgen. „Wir feiern im Namen Gottes …“ Ich höre wechselnde Stimmen, die reden, lesen, beten, singen. Es gibt kaum Pausen. Schade. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“ Ich schrecke hoch. Heute? Wenn? Klingt Gottes Stimme durch menschliche Stimmen? Vielleicht klingt sie gerade in den Pausen? Oder in den Klängen ohne Stimme? Oder gar in jener Stimme, die die Töne nicht sauber trifft, so wie ich mein Leben manchmal nicht sauber treffe?

von: Prof. Stefan Claaß, Theologisches Seminar Herborn

Der Glaube kommt aus der Predigt“, höre ich von der Kanzel. Und dann die Zusatzinformation, dass im griechischen Urtext steht: „Der Glaube kommt aus dem Hören.“ Ja, denke ich. Manchmal trifft das zusammen und manchmal nicht. Wie ist es mit meinen inneren Stimmen? Können die auch Glauben wecken? Ich hoffe doch. Jedenfalls streiten sie oft mit Worten von außen. Wer hat recht? Jetzt höre ich mich sogar selber reden, mit anderen zusammen: „Vater unser im Himmel …“ Hört uns Gott? Ein bisschen dienen die Worte auch dazu, mich zu vergewissern. Ich spreche und höre mich in die großen Klangräume hinein. Ich höre im Geist viele Generationen vor mir an gleicher Stelle die gleichen Worte beten. Während in Berlin der Kaiser regiert. Während der Inflation. Zwischen Bombenalarmen. Im Friedensgebet.

Hören ist Leben

Ich kann verstehen, dass Gott vor allem den Weg über mein Ohr sucht. Denn der führt am schnellsten in mein Herz und dann in meinen Kopf. Lachen oder Weinen muss ich manchmal, wenn ich bestimmte Musik oder Worte höre. Das passiert bei allen anderen Sinnen viel weniger. Hören ist Leben. Ich habe mir sagen lassen, dass auch Menschen hören, die es akustisch nicht können. Eine Freundin ist Pfarrerin für Gehörlosenseelsorge. Sie hat mit ihrer Gemeinde gefeiert und ich war dabei. Manche Gebärden konnte ich erraten, vor allem, wenn ich in die Gesichter der Mitfeiernden geschaut habe. Lieder haben wir gebärdet. Singen mit anderen Sinnen.
Ich bin überzeugt, dass Paulus ein viel weiteres Verständnis vom Hören hatte, als er diesen Satz schrieb: „Der Glaube kommt aus dem Hören.“ Es kann ja nicht nur um Schallwellen gehen, sondern auch darum, was diese Wellen in mir auslösen. Ich bin überzeugt, dass nur derjenige gut zuhören kann, der auch kritisch sein eigenes Hören reflektiert. Ich muss mir im Klaren sein, dass meine unmittelbaren Reaktionen nicht gleichzusetzen sind mit dem, was gesagt worden ist. Das gilt besonders für die Predigt.
Seit Umberto Eco vom „offenen Kunstwerk“ schrieb und Gerhard Marcel Martin es für die Predigtrezeption fruchtbar gemacht hat, ist noch klarer, dass ich zwischen dem Gesagten und dem, was mein Ohr daraus macht, unterscheiden sollte. Umgekehrt macht es das Wagnis deutlicher, das Predigerinnen und Prediger eingehen. Niemand kann festlegen, was Menschen aus meinen Worten heraushören. Sie geben Raum für Missverständnisse. Sie geben Raum für Gottes Geistkraft und kreative Umformungen.

So habe ich das noch nicht gehört …

Vereinfacht gesagt gibt es zwei große Hörinteressen in der Kirche. Die einen freuen sich, wenn sie Bestätigung erleben, Heimat finden, Vertrautes hören. Dann kommt das Kompliment an der Kirchentür: „Tolle Predigt! Genauso denke ich auch!“ Die anderen sind angetan, wenn sie Neues hören und Aufbruch erleben. Wenn es gut geht, sagen sie beim Abschied: „So habe ich das noch nicht gehört, gesehen, bedacht.“ Sollten Menschen mit diesem und jenem Hörinteresse ins Gespräch kommen, gibt es Reizworte, die immer funktionieren: „politische Predigt“ ist so ein Reizwort.
Die einen wollen das gar nicht, die anderen warten darauf. Dann hilft es, nachzufragen: „Was verstehen Sie darunter?“ Oft stecken unterschiedliche Begriffe von „Politik“ dahinter. Die einen fürchten schlichte Positionierungen im parteipolitischen Spektrum. Ich werbe für ein weites Verständnis des Wortes „politisch“ in der Tradition von Aristoteles. Danach ist alles, was unser Gemeinwesen betrifft, in politischen Dimensionen unterwegs. Wenn solche Dinge zur Sprache kommen, wird Predigt politisch, das heißt, sie wird fruchtbar für das soziale und gesellschaftliche Leben. Ein Teil davon spielt sich ja auch in der Kirchengemeinde ab.

„Die Verantwortung liegt bei mir, dem hörenden Menschen.“


Von anderen öffentlichen politischen Reden unterscheidet sich die Predigt dadurch, dass sie zeigt, woher sie ihre Energie bezieht, wie sie ihr Argumentieren, Erzählen, Bekennen dem biblischen Text verdankt. Dieser Unterschied muss erkennbar sein. Denn dann überlässt sie mir als hörendem Menschen im Sinne des offenen Kunstwerks die Verantwortung, mich dazu zu verhalten. Ich kann mich nicht einfach – wie in manchen früheren Zeiten – auf die Tatsache zurückziehen, dass jene Worte von der Kanzel kamen. Die Verantwortung liegt bei mir, dem hörenden Menschen. Ich kann aber auch in Widerspruch zur Predigt gehen. Dann allerdings habe ich die Verantwortung, die Verwandtschaft meiner eigenen Worte und Haltung zur biblischen Botschaft glaubwürdig herzuleiten. Reine Behauptungsrede ist auf wie unter der Kanzel zu wenig. Gottlob gibt es zwei andere Wege. Ich kann mich als Prediger erzählend in den Strom biblischer Ströme einreihen und sie für die Gegenwart fortführen. Oder ich kann argumentierend solche Verwandtschaft nachweisen. Ob es gelingt, entscheiden die Ohren derer, die zuhören. Und jenes Organ, das hoffentlich dazwischen angesiedelt ist.

„Egal, was ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.“


Neben dem eben beschriebenen Kriterium (klassisch: „Schriftgemäßheit der Predigt“) stehen weitere. Ich muss mich als Prediger fragen: Ist das Thema für die Hörerschaft relevant? Bin ich kompetent genug, etwas dazu zu sagen? Was ist das Spezifische, das ich als Kirchenmensch dazu sagen kann? Bin ich konkret genug? Verallgemeinerungen und Klischees können sich ruinös auf die Predigt auswirken. Welche Verantwortung haben wir, welche trägt Gott? Wird deutlich, wie wichtig diese Unterscheidung ist?
Und dann kommt noch ein Punkt dazu, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat: Welche Rolle spielen Emotionen bei dem Thema? In den öffentlichen politischen Diskursen haben sie an Einfluss gewonnen, manchmal ersetzen sie die Argumente. In der Kirche werden sie bisweilen moralisiert: Nur die positiven Emotionen finden Anerkennung, die anderen, die dunklen werden als unanständig gebrandmarkt. Ich halte das für einen Mangel. Es war und ist ein Fehler, die aggressiven Verse aus den Psalmen auszuschneiden. Denn sie bieten häufig (nicht immer) hilfreiche Wege, mit negativen Emotionen leben zu können: ihre Präsenz akzeptieren und aussprechen, ihre Konsequenzen an Gott delegieren, statt sie selbst auszuleben.
Eine letzte grundsätzliche Unterscheidung muss ich einfach in einer Predigt hören, die sich zu gesellschaftlichen Themen äußert: die Unterscheidung zwischen Person und Werk, zwischen Sünde und Sünder, zwischen Menschen, die sich politisch betätigen und dem, was sie
konkret tun.
Diese Unterscheidung ist theologische Medizin gegen Hass und Verunglimpfung ebenso wie gegen moralisierende Überheblichkeit. Johannes Rau hat das einmal auf den Punkt gebracht: „Egal, was ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.“ Dieser Satz achtet das Beziehungsdreieck, das für unser Hören so elementar von Bedeutung ist: Alle unsere menschlichen Beziehungen ereignen sich im Beisein Gottes. Und unser Glaube kann sich nie entfalten ohne das Beisein unserer Nächsten. Ich höre, dass ich meine Nächsten lieben soll. Bei etlichen fällt das leicht. Manche empfehle ich der Liebe Gottes. Und manche kann Gott alleine lieben. Das entlastet auch. Gut zu hören.