Lars Reichow, Kabarettist/Sänger, Komponist und Moderator; Foto: Alexander Sell


Perspektiefe 49, September 2019

Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben: Zuhören, Verständnis und Toleranz

NACHGEFRAGT: Drei Fragen an Lars Reichow, Kabarettist/Sänger, Komponist und Moderator

 

Kann Ihr Publikum zuhören? Welche Erfahrungen machen Sie? Gibt es Veränderungen im Vergleich zu früher?

Ein Kabarett- oder Musikpublikum hört immer gut zu. Denn dafür bezahlen die Leute ja Eintritt. Sie kommen mit einem Anspruch, sie möchten etwas geboten bekommen. Sie schenken Aufmerksamkeit, Konzentration, um den Bildern, die der Mensch auf der Bühne in ihren Köpfen aufmalt, zu folgen. Jeder Satz, jedes gesungene Wort projiziert einen kleinen Film auf der Leinwand der Fantasie im Zuschauer.
Was in einem Theater passiert, dass sich alle etwas vorstellen, dass sie dem Handlungsstrang (wenn es ihn denn auch gibt) des Künstlers folgen, das gehört für mich zu den größten Wundern unserer Kulturlandschaft.
Ich liebe es, die Stille zu hören, die ausgefüllte Stille im Publikum, wenn die Zeit still steht und wir alle uns einem bestimmten Gefühl hingeben. Ich liebe das Lachen genau wie die kleinen, leisen Augenblicke, das herausbrechende Lachen und das in sich zurückgezogene Seufzen oder Schluchzen. So war es vor über 400 Jahren bei Shakespeare, genauso ist es heute in den Theatern. Wer sich darauf einlässt, was ihm im Konzert passieren kann, wer die Kontrolle über sein Handy nicht verloren hat, der erlebt etwas Besonderes.


Welche Bedeutung hat Zuhören für Sie persönlich und können Sie gut zuhören?


Zuhören ist eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften. So zuhören, dass man den anderen Menschen auch richtig versteht, ist eine Kunst. Diese Fähigkeit hat nach meinen Beobachtungen in den letzten Jahrzehnten ein bisschen gelitten. Viele definieren ein Gespräch so, dass sie nur selbst reden, den Gesprächsfaden nur für sich selbst spinnen, ohne Rücksicht auf die Einwürfe, Meinungen oder Argumente des Gegenübers zu nehmen.
Obwohl wir so viele Möglichkeiten wie noch nie haben, nimmt die Zahl der Missverständnisse sehr stark zu. Wir werden flüchtiger, hören nur noch „hin“, nicht mehr zu. Ich stelle bei mir selbst fest, dass ich viele Mails nicht mehr genau lese, sondern nur noch überfliege.
Dabei entgeht mir oft das Wesentliche oder ich verstehe sie einfach falsch. Ein gutes Gespräch, im Dialog oder mit mehreren, ist ein sensibler Gedankenfluss, eine Mischung aus Zuhören, Formulieren, Weiterdenken und Innehalten. Im besten Fall geht man am Ende eines Gesprächs mit Erkenntnisgewinn nach Hause. Mindestens aber weiß man seine Gesprächspartner einzuordnen und kann sich beim nächsten Zusammentreffen besser auf sie einstellen.
Ich höre mich (berufsbedingt) auch ganz gerne reden, aber ich übe mich darin, anderen zuzuhören, um sie ganz und gar zu verstehen. Alles andere ist übrigens auch Zeitverschwendung.


Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht das Zuhören für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Alle Missverständnisse, alle Auseinandersetzungen, alle Konflikte und schließlich auch Kriege wurden durch mangelnde Gesprächsbereitschaft, gesteigerten Egoismus, Überheblichkeit und Kleingeistigkeit ausgelöst. Wir erleben in Washington einen unterdurchschnittlich begabten, impulsiv-egomanischen Präsidenten, dessen narzisstische Charaktereigenschaften als Immobilienmakler vielleicht unangenehm waren, aber in seiner Aufgabe als Staatenlenker in eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe münden können.
Es ist unverantwortlich, dass die Führung des mächtigsten Staates der Erde sich in einem Zustand geistiger Umnachtung bzw. gefährlicher Selbstüberschätzung befindet.
Zuhören und Verständnis, Toleranz, Kompromissfähigkeit und Diplomatie – das sind die Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben. Missverständnisse und gedankliche Einbahnstraßen führen zu Konflikten und letzten Endes auch zu blutigen Auseinandersetzungen. Je intelligenter eine Gesellschaft zuhören kann, desto konfliktfähiger und widerstandsfähiger kann sie sich erweisen. Ein gutes Beispiel dafür ist übrigens die lange Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von Vorsichtigkeit, gelegentlich auch von Mutlosigkeit, aber immer von einer außergewöhnlichen Umsichtigkeit gekennzeichnet war und ist.

www.larsreichow.de