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Perspektiefe Spezial, April 2020

Haltung(en) in Zeiten der Krise

ZENTRUM: Warum wir über Haltung auch in der Krise nachdenken sollten. Eine evangelische Perspektive.

von: Oberkirchenrat Pfarrer Christian Schwindt, Leiter des ZGV


„Wir Menschen sind nie für uns allein. Wir haben nicht nur ständig Haltungen zu diesem oder jenem, sondern sind Haltung, weil wir grundsätzlich Bezie­hungswesen sind.“

Oberkirchenrat Pfarrer Christian Schwindt

 

 

 

Wir Menschen …

In einer Krise offenbart sich sowohl das Gute als auch das Schlechte im Menschen, heißt es. So ist es auch in der gegenwärtigen Welt­krise, die den unbeabsichtigt royalen Namen „Corona“ trägt. Die einen horten Klopapier bzw. Nahrungs­mittel, verkaufen Schutzmasken zu abenteuerlich überzogenen Preisen, oder wollen noch schnell „Kasse machen“.

Die anderen engagieren sich ehrenamtlich in der Nachbarschaftshilfe, als Krisenhelfer in der Obdachlosenhilfe, der Tafelarbeit oder schließen sich sogar mit Bewohner*innen im Altenheim ein, damit hilfsbedürftige Menschen nicht alleine sind und die pflegerische Versorgung gesichert ist.

Tugendhafte Haltung(en)

„Wie Sie in Zeiten der Corona-Krise Haltung zeigen können“, titelte vor Kurzem eine Zeitschrift. Ohne Zweifel, gerade weil auch die gegenwärtige Pan­demie nicht nur das Gute im Menschen offenbart, ist die Erinnerung an tugendhafte Haltung(en) nachvollziehbar. Und so darf, auf den Spuren des antiken Dichters Aischylos, an dieser Stelle durchaus nochmals an die vom Kirchenvater Ambrosius von Mailand im 4. Jahrhundert erstmals sogenannten „Kardinaltugenden“ erinnert werden: Gerechtigkeit (iustitia), Mäßigung (temperantia), Tapferkeit bzw. Hochsinn (fortitudo, magnitudo animi bzw. virtus) und Weisheit bzw. Klugheit (sapientia bzw. prudentia). In Zeiten der Krise sind diese tugendhaften Haltungen nicht nur gefordert, sondern auch geboten.

Doch bei den Fragen der Haltung geht es, genau betrachtet, um sehr viel mehr. Es geht nicht nur um die Bestimmung einzelner Haltungen. Es geht nicht nur um bestimmte Geisteshaltungen, ethische Einstellungen oder besonders hehre Gefühle. Mit dem Begriff Haltung kann etwas sehr viel Grundsätzlicheres beschrieben werden, an das sich zu erinnern, gerade in Krisenzeiten, heilsam lohnt.

Was ist Haltung?

Sicher, was der aus dem Altmittelhochdeutschen stammende Begriff Haltung ist und wie sie begrifflich zu fassen ist, ist gar nicht so leicht zu sagen. Vieles vereint der Begriff jedenfalls. Körperhaltung als auch mentale Einstellungen gehören ebenso zu seinem Bedeutungsradius wie auch emotionale Dispositionen oder Fragen der Gewohnheit, des bestimmten kulturellen Gepräges oder eines persönlichen Lebensstils.
Ist auch die Frage nach Haltung weder leicht zu beantworten, noch überhaupt leicht zu er­örtern, hat der Begriff dennoch durchaus das Potenzial, unseren spezifisch menschlichen Welt- und Selbstzugang offenzulegen. Denn der bis zur Tugendlehre des Aristoteles zurückreichende Haltungsbegriff, dort hexis und später lateinisch habitus genannt – kann als grundsätzlich relationaler Begriff entfaltet werden und ist in diesem Sinne auf unser Verständnis von Mensch- bzw. Personsein bezogen. „Haltung“, so könnte man mit der Philosophin Frauke Annegret Kurbacher sagen, „bezeichnet grundlegende menschliche Bezüglichkeit, die immer eine Wechselwirkung aus den Bezügen zu Anderen, Selbst und Welt ist. Jede Haltung referiert implizit oder explizit auf dieses Geflecht aus Anderen, Selbst und Welt und ist zugleich Realisierung dieses komplexen Bezugs.“ (s. Kurbacher, Was ist Haltung?, 2008). Salopp gesagt kann man sagen: Wir Menschen sind nie für uns allein. Wir haben nicht nur ständig Haltungen zu diesem oder jenem, sondern sind Haltung, weil wir grundsätzlich Beziehungswesen sind. Wir sind sozusagen „Zwischen-Wesen“, die sich ständig „verhalten“ und grundsätzlich immer in „Verhält­nissen“ leben. Selbst dann, wenn wir uns auf der Handlungsebene auch einmal nicht verhalten.

Haltung und Person

Die christliche Theologie kennt diese grundsätzliche Relationalität bzw. Perspektiviertheit auch: Sie nennt es die Geschöpflichkeit des Menschen! Das christliche Haltungsverständnis meint dann die grundlegende, menschliche Bezüglichkeit, die immer in einer Wechselwirkung aus Bezügen zu Gott, Selbst und Welt (Anderem und Anderen) steht. Das Personsein des Menschen ist nur dann, so die Überlegung, in seiner geschöpflichen Wür­de angemessen beschrieben, wenn diese grundlegenden Existenzrelationen beachtet werden. Sie ist dem Menschen vorgegeben, sozusagen gottgegebene Bedingung der Möglichkeiten geschöpflicher Existenz. Verkürzt gesagt: Wer sich existenziell gehalten weiß, kann Halt und damit Haltung finden.

Zwischen-Menschlichkeit – Haltung und Gesellschaft

Für unser Verhalten und damit die Ethik ist dies alles nicht unwichtig. Denn wenn menschliches Bezogen-Sein immer „haltungsinduziert“ ist, dann stellt sich die Frage nach der gleichsam „idealen“ Haltung im Sinne einer gelingenden Performanz des handelnden Subjekts – letztlich damit die Frage nach dem seit der Antike breit diskutierten Gemeinwohl (bonum commune).

Das, was wir „Sozial-Raum“ nennen, hat dabei dann erhebliche Bedeutung. Denn hier stellt sich die Frage nach einer geeigneten Selbst- und Welt­kompetenz in Rückbindung an die eigene Person als Antwort auf die Frage des französischen Philo­sophen Roland Barthes, wie wir zusammen leben wollen (comment vivre ensemble) am unmittelbarsten. Hier ist aus evangelischer oder besser evangeliumsgemäßer Perspektive zu sagen, dass die im Glauben realisierte, geschöpfliche Perspek­tiviertheit des Menschen seine handlungswirksame Konkretion in der Liebe, im Vertrauen, in Solidarität und der Suche nach Gerechtigkeit erhält bzw. entfaltet. Als geschaffene Beziehungs­wesen – man könnte auch sagen Mit-Menschen oder Mit-Geschöpfe – gibt es hier keine Alternative, denn wir würden uns den Lebensast abschneiden, auf dem wir individuell aber auch gesellschaftlich sitzen. Wäre es nicht so, würde jegliche Beziehung bzw. Relation sterben bzw. zunichte. Nicht nur der soziale Tod wäre die Folge.

Nicht umsonst nimmt das Doppelgebot der Liebe nicht nur die dreifache Perspektive von Gott und Welt (Andere und Anderes) und Selbst auf, sondern beschreibt dies in der Grund-Haltung der Liebe. Worte aus dem ersten Testament aufnehmend heißt es im Evangelium des Markus Kapitel 12,29-31: „Das höchste Gebot ist das: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von gan­zem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Ge­müt und mit all deiner Kraft‘ (5. Mose 6,4-5). Das andre ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“

Krisenzeiten sind oftmals Wendezeiten. Zeiten, die uns besonders und grundlegend danach fragen lassen, von was eigentlich unser Leben gehalten ist und in welchen Verhältnissen wir wirklich leben wollen.