Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn, Risikoforscher am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam (Foto: IASS)


Perspektiefe 51, September 2020

„Wir stehen vor der paradoxen Situation, dass für jeden Einzelnen das Lebensrisiko ständig geringer wird, aber die Möglichkeit welt­umspannender Katastrophen zunimmt“

HINTERGRUND: „Wir stehen vor der paradoxen Situation, dass für jeden Einzelnen das Lebensrisiko ständig geringer wird, aber die Möglichkeit welt­umspannender Katastrophen zunimmt“

Die Fragen stellten Jan Ehlert und Margit Befurt


„Für Menschen in Deutschland und den meis­ten anderen wohlhabenden Ländern sind es im Prinzip vier Risiken, die das individuelle Leben vorrangig bedrohen. Diese sind: Tabak, Alkohol, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel.“

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn

 

 

Herr Prof. Dr. Dr. Renn, Sie sind Risikoforscher am Institut für Transformative Nachhaltig­keitsforschung (IASS) in Potsdam. Wie kann man Risiko erforschen?

Renn: Mit dem Wort Risiko verbinden wir Konzepte über mögliche Folgen von Ereignissen (wie etwa Erdbeben) oder Aktivitäten (wie der Betrieb von technischen Geräten oder Ernährungs­gewohn­hei­ten), die einen Einfluss auf das nehmen, was wir wertschätzen. Das können so wichtige Güter wie Leib und Leben, Gesundheit und intakte Um­welt sein, aber auch materielle Güter (Eigenheim, Ak­tien) oder symbolische Werte, wie bespielsweise lieb gewonnene Erinnerungsstücke. Im Rahmen des Risikokonzeptes unterscheiden wir zwischen dem Auslöser eines Risikos und den Folgen beim Empfänger. Auslöser können Explosionen, Über­schwemmungen, Ausbruch von Viren, fallende Aktienkurse oder ungesunde Ernährungsge­wohn­heiten sein. Die Empfänger von Risiken können Individuen, ganze Gesellschaften, Ökosysteme, Ver­mögenswerte und vieles andere sein, was wir wertschätzen. In der Risikoforschung werden beide Aspekte systematisch und wissenschaftlich untersucht: zum einen die möglichen Ursachen und die damit verbundenen Wahrscheinlichkeiten, dass ein bestimmtes Gefahrenpotenzial ausgelöst wird, zum anderen die Fähigkeit und Widerstands­kraft der jeweiligen Empfänger, auf die ausge­lösten Gefährdungen zu reagieren. Aus beiden Teilen der Risikokette können Risikoforscher die erwarteten Schadenswirkungen über Zeit mithilfe quantitativer Verfahren entweder numerisch bestimmen oder bei hoher Ungewissheit mithilfe qualitativer Verfahren schätzen.

Welchen Risiken sind Gesellschaften heute nach Ihrer Meinung ausgesetzt und nimmt das Be­dro­hungsrisiko zu? (Wie) kann man sich auf etwas vorbereiten, das in den Auswirkungen noch völlig unbekannt ist?

Renn: Je nachdem welche Risiken wir betrachten, nehmen Bedrohungen in unserer Zeit zu oder ab. Entgegen der landläufigen Vorstellung, die Welt würde immer riskanter, sehen wir bei den primä­ren Bedrohungen, wie bei frühzeitigen Todes­fällen und chronischen Erkrankungen, in den letzten Jahrzehnten einen kontinuierlichen Rückgang des Risikos. Weltweit, vor allem aber in fast allen OECD-Ländern, steigt die Lebenserwartung Jahr für Jahr an und es sinkt die Wahrscheinlichkeit einer chronischen Erkrankung, sofern man das Alter konstant hält. Dagegen wächst das Risiko grenzübergreifender Katastrophen, wie wir es gerade bei der Pandemie durch COVID-19 hautnah erlebt haben, weil zunehmend Lebensbereiche, Produktionsverfahren und Mobilitätsverhalten miteinander vernetzt sind und Störungen in einem System schnell sich in andere Systeme ausbreiten können. Wir stehen also vor der paradoxen Situa­tion, dass für jeden Einzelnen das Lebens­risiko ständig geringer wird, aber die Möglichkeit weltumspannender Katastrophen zunimmt.

Welche Risiken müssen vermieden werden, welche können wir zulassen?

Renn: Für Menschen in Deutschland und den meis­ten anderen wohlhabenden Ländern sind es im Prinzip vier Risiken, die das individuelle Leben vorrangig bedrohen. Diese sind: Tabak, Alkohol, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. Epidemiologen rechnen damit, dass rund zwei Drittel aller frühzeitigen Todesfälle in Deutschland auf diese vier Faktoren zurückzuführen sind. Darüber hinaus gibt es auch hoch wirksame Um­weltrisiken, wie etwa Feinstaub, die zusätzlich Gesundheit und Leben bedrohen. Dagegen sind viele andere Risiken, die immer wieder Schlag­zeilen machen, wie etwa Pestizidrückstände in Lebensmitteln oder Trinkwasser, statistisch gesehen kaum relevant. Neben diesen individuellen Risiken treten die systemischen, sektorübergreifenden Risiken, wie der Klimawandel oder die globale Umweltbelastung. Diese Risiken wirken zunächst global und schlagen sich erst allmählich auf die Lebenswirklichkeit der einzelnen Individuen nieder. Allerdings müssen sie jetzt schon beherzt angegangen werden. Wenn man so lange wartet, bis der Schaden für jedes einzelne Individuum spürbar ist, wird das Ausmaß des erwarteten Scha­dens so groß und irreversibel, dass man kaum noch oder nur mit extrem hohen Kosten schadensbegrenzend eingreifen kann.

Was halten Sie von der Einschätzung des Sozio­lo­gen Ulrich Beck, dass sich die Industrie­gesell­schaft selbst gefährde, indem der wachsende Fort­schritt bedrohliche Risiken produziert. Teilen Sie diese An­sicht? Leben wir heute in einer „Risiko­gesell­schaft“, und wenn ja, warum, oder wenn nein, warum nicht?

Renn: In meinem Buch: „Das Risikoparadox“ spreche ich lieber von Risikowahrnehmungs­gesell­schaft als von Risikogesellschaft. Wie ich oben schon darlegte, ist die Annahme von Ulrich Beck, dass sich die Lebens- und Umweltrisiken ständig mit der Modernisierung der Gesellschaft erhöhen, faktisch nicht aufrecht zu erhalten. Was aber stimmt, ist die zunehmende Wahrnehmung großer Teile der Gesellschaft, dass wir uns in einer Risikogesellschaft mit zunehmend subjektiv erlebter Risikoerfahrung befinden. Diese Spannung zwischen statistischen Nachweisen und gesellschaftlichen Wahrnehmungen bestimmt weitgehend den Diskurs in Deutschland zur Frage der angemessenen Risikobewältigung. Dabei ist zum einen wesentlich, die wissenschaftlichen Analysen zu den uns bedrohenden Risiken als Grundlage politischer Entscheidungen zu nehmen, gleich­zeitig aber die Wahrnehmungen, Anliegen und Be­fürchtungen der betroffenen Menschen in den Diskurs einzubeziehen. Aus meiner Sicht gelingt diese Befriedung dann am besten, wenn die betroffenen Gruppen und Individuen aktiv in die Gestaltung ihrer Lebenswelt und damit in den Diskurs um Verteilung von Chancen und Risiken einbezogen werden.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit Risiken um? Welche Strategien und Kontrollmechanismen hat die Gesellschaft? Welche Rolle spielt dabei die Politik?

Renn: Risiken werden von Individuen, Grup­pen, Organisationen (wie etwa Firmen) und ganzen Gesellschaften eingegangen. Solange Risiken nur diejenigen betreffen, die auch von dem Nutzen der jeweiligen Aktivität profitieren, können und sollen in einer freiheitlich demokratischen Gesell­schaft die Abwägungen zwischen Nutzen und Risiko von diesen Personen oder Organisationen in eigener Verantwortung durchgeführt werden. Sobald aber Risiken auf andere überwälzt werden oder solche Risiken für andere Personen nicht ausgeschlossen werden können, sind staatliche Regularien unabdingbar. So treffen etwa Umwelt­belastungen weniger die Personen, die von der Produktion der umweltbelastenden Güter profi­tieren, als die Personen, die zufälligerweise in der Nähe der Produktionsstätte leben. In diesem Falle ist es offensichtlich, dass kollektiv verbindliche Regeln gesetzt werden müssen, um diejenigen zu schützen, die unfreiwillig einem Risiko ausgesetzt sind. Je mehr Menschen von einem Risiko be­troffen sind, desto wichtiger ist es, dass es über­­regionale oder auch transnationale Regu­lierun­gen gibt, die über die jeweiligen adminis­trativen Gren­zen hinaus Menschen vor grenz­übergreifenden Risiken schützen. Das ist eine be­sondere Heraus­forderung für die Weltge­meinschaft, wenn es beispielsweise um globale Risiken wie den Klimawandel geht.

Tragen wir alle das gleiche Risiko oder gibt es Unterschiede? Wie können wir zu einer gerechten Lastenverteilung kommen?

Renn: Ein Großteil der von Menschen verursachten Risiken betrifft Individuen und Gruppen, die gar nicht oder nur teilweise am Nutzen der jeweiligen Aktivität beteiligt sind. Dies gilt vor allem für zentrale technische Einrichtungen, wie etwa große Kraftwerke oder Staudämme, die ein Gemein­schaftsgut für eine ganze Gesellschaft herstellen, das damit verbundene Risiko aber auf Anwohner in den benachbarten Orten konzentrieren. Hier wird also erwartet, dass eine kleine Gruppe ein Risiko zum Nutzen der Allgemeinheit übernimmt. Vor allem dann, wenn der gemeinsame Nutzen der jeweiligen Aktivität im Sinne des Gemeinwohls umstritten ist, etwa zurzeit bei der Ansiedlung von Windkraftwerken, wird die ungleiche Verteilung von Nutzen und Belastungen als besonders ungerecht und inakzeptabel empfunden. Dann kommt es leicht zu Protesten und lautstarker Opposition.

Nicht nur die Risiken bedrohen die Menschen in unterschiedlicher Weise, auch die Maßnahmen zur Risikobegrenzung können einzelne Gruppie­rungen stärker oder schwächer schützen. In der gegenwärtigen Corona-Krise lässt sich gut beob­achten, wie etwa Personen im Gesundheits­wesen wesentlich größere Belastungen auf sich nehmen als Personen in anderen Arbeits­be­rei­chen. Von den Konjunkturprogrammen werden einige Per­sonenkreise wesentlich mehr profitieren als andere. Diese Verteilungswirkungen im Blick zu haben und ungerechte Entwicklungen zu ver­meiden, muss daher neben der Effektivität und
Effi­zienz der Maßnahmen ein wichtiges Ziel der Politik bei dem verantwortungsvollen Umgang mit Risiken sein.

Sehen wir nur die kurzfristigen Risiken und vernachlässigen wir die langfristigen? Und wenn ja, warum?

Renn: Es ist in der Tat so, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Aufmerksamkeitsspanne für bestimmte Risiken relativ kurz ist und dadurch immer wieder neu auftretende, aber in ihrer Wirk­kraft unerhebliche Risiken die Schlagzeilen beherrschen. Vielfach sprechen Journa­lis­ten hier vom Schadstoff der Woche, der kurzfristig die Gemüter erregt, dann aber durch den nächsten „Skandal“ abgelöst wird. Wie oben schon dargestellt, sind die grenz­überschreitenden systemi­schen Ri­siken, wie etwa der Klima­wandel, zwar im allgemeinen Bewusstsein der meisten Men­schen inzwischen fest verankert, aber sie lösen noch zu wenig die entsprechenden Hand­­­lungs­anpassungen im individuellen wie kollektiven Leben aus. Dabei werden sie wesentlich stärker die Bedrohung in der Zukunft bestimmen als die jeweiligen Schadstoffe der Woche.

Welche Rolle nimmt der technische Fortschritt bei der Bewältigung langfristiger Risiken ein?

Renn: Die häufig anzutreffende Polarisierung in: „der technische Fortschritt ist gerade das Problem“ und „der technische Fortschritt ist gerade die Lösung“ hilft uns bei der Bewältigung von Risiken nicht weiter. So sehr Technik in seiner vielfältigen Ausprägung die Probleme der globalen Umwelt­belastung mit verursacht hat, so sehr wird sie auch benötigt, um diese Probleme wirksam an­zugehen und gleichzeitig die Versorgung von rund 9 Milliarden Menschen sicherzustellen. Die Frage lautet also nicht: technischer Fortschritt ja oder nein, sondern welche Technik brauchen wir für welchen Zweck? Innovation um ihrer selbst willen ist ebenso wenig sinnvoll wie der Verzicht auf Innovationen und damit die Bewahrung des keineswegs zufriedenstellenden Status quo. Es kommt also darauf an, den technischen Wandel so zu gestalten, dass er in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung für die heutige Generation und die künftigen Generationen verläuft. Hier sind die Gestaltungskraft und der Gestaltungswille von Politik und Gesellschaft gefragt.

Sehen Sie Risiken, über die gesellschaftlich derzeit noch gar nicht gesprochen wird?

Renn: In der öffentlichen Debatte sprechen wir sehr viel über technische und ökonomische Risi­ken, vor allem wenn sie Auswirkungen auf Ge­sund­heit und Umwelt haben. Weltweit kommen dazu die Ri­siken durch Naturgefahren, wie Erd­beben, Stark­­wetterereignisse oder Überschwem­mungen. Sel­te­ner werden soziale und politische Risiken thema­tisiert, wenn es um die künftigen Bedrohungen der Menschheit geht. Kriege, Gewalt, Ausbeutung und fehlende bzw. korrupte politische Ordnung (Governance) stehen am Beginn ganzer Ketten von Risiken, einschließlich Massen­migra­tion, Ter­ro­­ris­mus und Landverwüstung. Diese Risiken sind alle nicht unbekannt, aber viele ha­ben sich meist achselzuckend da­mit ab­gefunden. Dazu kommt die wach­sende Ungleichheit zwischen den wohlhabensten und ärmsten Schich­ten der Bevölkerung, die nicht nur politische Span­nungen bis hin zu Bürgerkriegen auslöst, sondern auch den politischen und wirtschaftlichen Ord­­nungs­­syste­men die Legitimation entzieht. Die deut­­liche Zunahme populistisch-autoritärer Re­gime kann auch als Zeichen der Enttäuschung über die nicht eingelösten Versprechungen der Modernisierung gelten. Schließlich gerät auch die Identität des Menschen, das Selbstbild, das man mit sich als moralisch agierende Person verbindet, in einer von Pluralisierung und Relati­vie­rung von Werten, Lebensstilen und ethischen Prin­zi­pien bestimmten Lebenswelt unter Druck. Hier gilt es, die Sehnsucht nach ideeller Gebor­genheit mit den humanen Bedingungen einer multikulturellen Wirk­lichkeit in Ausgleich zu bringen.

Welche Risiken gehen Sie persönlich ein?

Renn: Ich gehöre eher zu den ängstlicheren Menschen. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit, wo ich alle gefährlichen Spiele, wie Bäume klettern oder Mutproben bestehen, möglichst vermieden habe. Allerdings wenn für mich der Nutzen einer Aktivität über alle Zweifel erhaben ist, gehe ich auch gerne einige Risiken ein. Ein Beispiel dafür ist, dass ich auch in die Länder reise, in denen häufig gesundheitliche Risiken, wie etwa Tropenkrankheiten, herrschen oder in denen ich auch mit unberechenbaren Zwischenfällen rechnen muss. Ein Leben ohne jedes Risiko ist auch langweilig, aber wichtig für mich ist, dass jedes Risiko, das ich eingehe, den Nutzen wert ist, und dass ich andere durch mein Verhalten nicht unnötigen Risiken aussetze.