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Perspektiefe 52, Dezember 2020

„Sorge machen mir zunehmend Diskussionen, in denen es nur darum zu gehen scheint, Recht zu erhalten“

NACHGEFRAGT: Drei Fragen an Dorothea Schäfer, Landrätin des Landkreises Mainz-Bingen


„Es gibt immer weniger eine Mitte oder einen Durchschnitt – eben kein Grau, sondern nur ein Schwarz oder ein Weiß. Was dabei ver­ges­sen wird? Unser Alltag spielt sich größ­tenteils genau in dieser Mitte, in diesem Durch­schnitt ab. Eben genau zwischen den Extremen.“

Dorothea Schäfer

 

Erleben Sie eine Veränderung der Diskus­sions- und Debattenkultur und wenn ja, woran macht sich das fest?

Schäfer: Ja, ich erlebe eine solche Veränderung. Aber: nicht erst mit Beginn der Corona-Pandemie, sondern schon seit ein paar Jahren.
Ich selbst diskutiere gerne. Schon als Jugendliche habe ich das geliebt. Gerade der politische Diskurs lebt davon. In unserer Gesellschaft ist jede und jeder Einzelne gefragt, mitzudiskutieren, sich auch streitig auseinanderzusetzen – mit dem Ziel, zu guten Ergebnissen und Kompro­missen zu kommen. Und dazu gehört auch: am Ende der Debatte auch einmal andere Meinungen anzuerkennen. Das bedeutet für mich Demokratie und Meinungsfreiheit!
Sorge machen mir zunehmend Diskussionen, in denen es nur darum zu gehen scheint, Recht zu erhalten, sich und seine Ziele durchzusetzen – oft auf Kosten anderer. Und wer sich dagegen nicht behaupten kann, unterliegt.
Für mich ist es schlimm, wenn Personen weniger an dem gemessen werden, was sie tun, leis­ten oder bewegen, sondern an Äußerlichkeiten, wie etwa an ihrem Aussehen oder ihrer Herkunft. Und das, ohne sie persönlich zu kennen.

Welche konkreten Erfahrungen haben Sie in letzter Zeit gemacht?

Schäfer: Die aktuelle Corona-Pandemie scheint zu einer weiteren Verschärfung des gesellschaftlichen und politischen Klimas in unserem Land beizutragen. Ich habe den Eindruck, als ob Corona alles rechtfertige – in verschiedener Hin­sicht. Und das verändert auch unsere Diskus­sions- und Debattenkultur. Aber es gibt eben nicht nur ein „gut oder schlecht.“
Ja, insbesondere bei politischen Auseinander­setzungen ist mit den Jahren der Ton härter geworden, so dass „anders“ denkende Menschen sogar ausgegrenzt werden, ihre Ansicht einfach nicht akzeptiert wird. Mit der Folge, dass die Betroffenen die Lust auf jegliche Diskussion ver­lieren und sich zurückziehen. Es ist schlimm, wenn manche Menschen sich am Ende nicht mehr trauen, die eigene Meinung zu sagen – aus Angst, gehänselt oder sogar als Person abgelehnt zu werden.
Gerade während der Corona-Pandemie werden die Dinge verstärkt extrem betrachtet, diese sogenannte Schwarz-Weiß-Denke ist immer ausgeprägter. Es gibt immer weniger eine Mitte oder einen Durchschnitt – eben kein Grau, sondern nur ein Schwarz oder ein Weiß. Was dabei vergessen wird? Unser Alltag spielt sich größtenteils genau in dieser Mitte, in diesem Durchschnitt ab. Eben genau zwischen den Extremen.
Eine häufige Erfahrung derzeit: Grenzen und Regelungen werden missachtet. So berufen sich z. B. „Querdenker“ auf ihre Freiheit, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in dieser Zeit zu verweigern – und dabei eine Gefährdung nicht nur der eigenen Person, sondern auch anderer Menschen in Kauf zu nehmen. „Querdenker“ zu sein, scheint hipp zu sein. Aber was ist ein „Querdenker“ wirklich? Nur der, der seinen egoistischen Standpunkt vertritt?
Andererseits gibt es aber auch eine sehr große Anzahl an Menschen, die sich um andere kümmern und für die es wichtig ist, dass andere, de­nen es nicht so gut geht wie ihnen, Unter­stützung erhalten. Und die auch in dieser schweren Zeit ihren Optimismus nicht verlieren.
Daher bringt die aktuelle Zeit auch viel Posi­tives hervor: viel Engagement und Zuwendung für Menschen, die Hilfe benötigen. Beispielsweise das Nähen von Mund-Nasen-Schutzen, die Unter­stützung von Älteren oder Menschen mit Behin­derung im Alltag oder die Hilfe für Menschen, die unsere Sprache (noch) nicht sprechen und gerade dabei sind, sich bei uns zu integrieren.

Wie versuchen Sie damit umzugehen?

Schäfer: Ich selbst habe gar keine Lust und auch gar keine Zeit dafür, Trübsal zu blasen.
Für mich stehen die Menschen im Vorder­grund – mit ihren Bedürfnissen und Ängsten. Ebenso meine Kolleginnen und Kollegen in der Kreisverwaltung, deren Aufgabe es ist, die Bür­gerinnen und Bürger in ihren Anliegen bestmöglich zu unterstützen. Und nicht zuletzt geben mir meine Familie und mein Glaube Halt!
Vielleicht sollten wir die Corona-Pandemie zum Anlass nehmen, einmal verstärkt über Werte wie Rücksichtnahme, Verantwortung, Fürsorge oder Solidarität zu diskutieren. Ich freue mich über jeden Einzelnen, der dazu beiträgt, dass wir alle diese Zeit mit ihren großen Herausforderungen gut überstehen werden. Das macht Mut!