(Foto: Microgen, AdobeStock)


Perspektiefe 54, August 2021

Eine demokratische Emotionspolitik ist anzustreben. Zur Rolle von Emotionen in der Politik und in der Demokratie.

HINTERGRUND: Die Frage, wie emotional demokratische Politik sein darf, flammt in Deutschland immer wieder auf. Die Instrumentalisierung von Emotionen im Nationalsozialismus ist für viele der entscheidende Grund, auch heute noch eine kühle, rationale Politik zu fordern, die sich einer Emotionalisierung konsequent verweigert. Mit dieser Forderung befindet man sich in bester Gesellschaft, denn in der europäischen Kultur- und Philosophiegeschichte haben Emotionen einen schlechten Leumund – und dies nicht nur in der politischen Sphäre. Es sei die Rationalität, die uns als Menschen auszeichnet und mit deren Hilfe die Emotionalität und ihre irrationalen Auswüchse „eingehegt“ werden können. Diese hierarchische Dualität von Ratio und Emotion, typischerweise zudem noch mit der Männlich-weiblich-Dichotomie parallelisiert, dominiert das westliche Denken seit der Antike.

von: Prof. Dr. Gary S. Schaal, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg

 


„Demokratie ist eine sehr anspruchsvolle Herrschaftsform, die nicht nur einer „entgegenkommenden politischen Kultur“ (Habermas) bedarf, sondern auch emo­tio­nale Verbundenheit ihrer Bürger*innen benötigt, um stabil zu bleiben.“

Prof. Dr. Gary S. Schaal

 

 

In den letzten drei Jahrzehnten haben die Neu­rowissenschaften jedoch große Fort­schritte im Verständnis von Emotionen erzielen können – insbesondere durch die Nutzung von „bildgeben­den Verfahren“ wie der Kernspintomografie. Diese neuen Erkenntnisse sollten uns als Bür­ger*innen, Politiker*innen und (Sozial-)Wissen­schaft­ler*innen anregen, neu über die Bedeutung von Emotionen in der Demokratie nachzudenken. Dennoch werden sie in der öffentlichen Diskussion bislang kaum wahrgenommen. Im Folgen­den soll daher skizziert werden, welche Rich­tun­gen ein „evidenzbasiertes“ Nachdenken über Emotionen in der Demokratie einschlagen kann.

Emotionen stehen am Beginn und am Ende eines Entscheidungs­prozesses

Die alteuropäische Vorstellung einer Dualität von Ratio und Emotion ist ein Mythos. Menschliche Entscheidungen werden sequenziell getroffen und in den verschiedenen Phasen dieses Prozesses besitzen Ratio oder Emotionen unterschiedliche Bedeutung, bleiben aber verschränkt und aufein­ander bezogen. Emotionen lenken die Aufmerk­samkeit auf bestimmte Themen und Wahrneh­mun­gen und blenden andere aus. Ohne sie würden wir dem Meer auf uns eindringender Sinneseindrücke handlungs- und entscheidungsunfähig gegenüberstehen, weil alles gleich bedeutsam erschiene. In gewisser Weise stehen Emo­tionen somit am Beginn eines Entscheidungs­prozesses. Sie stehen aber auch an dessen Ende, denn selbst „rationale Entscheidungen“, die auf Basis von Kosten-Nutzen-Kalkülen getroffen wurden, werden schließlich durch das Belohnungs­zentrum des Gehirns bewertet und lösen Gefühle, z.?B. Zufriedenheit, aus. Ein besseres Verständnis des Zusammenspiels von Entscheidungsprozess und Belohnungssystem besitzt für das Verstän­d­nis demokratischer Entscheidungs- und Beteili­gungs­prozesse großes Erklärungspotenzial. Ge­ne­rell gilt, dass eine unemotionale, rein rationale demokratische Politik unmöglich ist.

Emotionen in der Politik wurden Jahr­hunderte lang ignoriert oder bekämpft

Die westlichen Demokratien in ihrer heutigen Gestalt sind praktische Manifestationen theoretischer Konzepte – von der Gewaltenteilung (Montesquieu), über die liberalen Grund- und Abwehrrechte (Locke) bis hin zu direktdemokratischen Beteiligungsrechten (Rousseau). Weil demokratisches Denken historisch starken Einfluss auf die institutionelle Wirklichkeit heutiger Demo­kratien besitzt, ist es folgenreich, dass im europäischen politischen Denken der letzten Jahrhun­derte Emotionen in der Politik entweder ignoriert oder aktiv bekämpft wurden. Es fehlt uns heute an fundierten politiktheoretischen Vorstellungen da­von, wie Emotionen in den demokratischen Pro­zess eingespeist werden können und welche Bedeutung sie besitzen sollen. Die Ratlosigkeit, die die öffentliche Debatte im konstruktiven Um­gang mit Emotionen mitunter zeigt, ist nur eine Folge dieses historisch begründeten Mankos.

Konstruktiver Umgang mit Emotionen in der gesellschaftlichen Debatte

Augenfällig wird diese Unsicherheit im Umgang mit Emotionen gegenwärtig, wenn Bürger*innen in emotionaler Form hochgradig emotionalisierte An­sprüche an „die Politik“ richten – wofür die Figur des „Wutbürgers“ symbolisch steht. Wie kann Po­litik auf „emotionale Eingaben“ reagieren? In der politischen Emotionsliteratur findet sich häufiger der Vorschlag, zwischen „guten“ und „schlechten“ Emotionen zu differenzieren. So sind für die Phi­losophin Martha Nussbaum Liebe, Mit­gefühl und Hoffnung z.?B. grundlegend demokratieförderliche Emotionen, während Angst, Neid und Hass demo­kratiegefährdend sind. Ein solcher Ansatz hilft m.?E. nicht, denn alle Emotionen erfüllen eine Funktion; keine Emotion – noch nicht einmal Hass – kann unabhängig von dem Kontext, in dem sie sich entwickelt, bewertet werden. Wut, ja so­gar Hass, gegen einen despotischen Herr­scher können gerechtfertigt sein und Liebe kann blind machen für unrechtes Handeln des eigenen Staa­tes („right or wrong – my country“). Einige Au­tor*innen argumentieren, dass man zwischen „authenti­schen“ und „nicht-authentischen“ Gefühlen differenzieren und die authentischen politisch um­setzen soll. Auch dieser Ansatz führt in eine Sack­gasse. Denn demokratische Politik lebt von Kom­promissen und vom Austarieren konfliktiver An­sprüche. Kompro­miss­bildung auf Basis authentischer Emotionen erscheint unmöglich, da sie nur „richtig“ oder „falsch“ sein können. Und dies ist die demokratische Krux von authentischen Emo­tionen als Argu­ment: Ihre Nutzung immunisiert gegen Kritik und verunmöglicht zugleich Kompro­missbil­dung. Zudem sind Bürger*innen permanentem Emo­­tionsmanagement (Werbung!) ausgesetzt, sodass es unmöglich erscheint, authentische Emotionen überhaupt zu identifizieren. Vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll, nicht die Emotionen selbst zu bewerten, sondern die Art ihrer (politischen) Bearbeitung. Die alteuropäische Emotionsaversion hat dazu geführt, dass Emotionen aus der demokratischen Öffentlichkeit in die Privatsphäre verdrängt wurden. Die private Bearbeitung von Emotionen kann jedoch demokratiegefährdende Konsequenzen besitzen: Denn im Privaten bleiben Emotionen unhinterfragt, unver­änderlich und werden zu „argumentativen Trüm­p­fen“ (im Sinne von „alternative facts“ und gefühlter Wirklichkeit). Demo­kratie­kompatibel ist hingegen die öffentliche, diskursive, ergebnisoffene und sachlich fundierte Bearbeitung von Emotionen. Diese positive Deutung wird möglich, weil die Neu­ro­wissenschaften gezeigt haben, dass Emo­tionen und Rationalität nicht trennbar sind, sondern eine Einheit bilden. Die kognitive Emotions­theorie trägt dieser Einsicht Rechnung: Für sie sind Emotionen gefühlte Bewertungen der Um­welt. Empörung oder Angst sind bewertende Reak­tio­nen auf Zustände in der Welt. Sie lassen sich deshalb auch rational kritisieren, d.?h. auf ihre sachliche Angemessenheit hin befragen, ohne hier­durch den Träger einer Emotion zu pathologisieren. Erst in einem solchen Verständnis können Emotionen im demokratischen Prozess verarbeitet werden.

Demokratie braucht emotionale Verbundenheit ihrer Bürger*innen

Vor dem Hintergrund der Erfahrung des National­sozialismus besteht in Deutschland (zurecht) ein großer Vorbehalt gegenüber Politik, die Emotionen bei den Bürgern erzeugen oder manipulieren will. Es wurde jedoch eingangs argumentiert, dass Po­li­tik ohne Emotionen undenkbar ist. Daraus folgt zugleich, dass Politik emotional nicht neutral sein kann – jede Politik erzeugt emotionale Reaktionen. Demokratie ist eine sehr anspruchsvolle Herr­schafts­­form, die nicht nur einer „entgegenkommenden politischen Kultur“ (Habermas) bedarf, sondern auch emotionale Verbundenheit ihrer Bürger*innen benötigt, um stabil zu bleiben. De­mo­kratieunterstützende Emotionen existieren jedoch nicht einfach; sie müssen kultiviert werden. Dies wirft die Frage auf, wie staatlich in Zukunft mit Emotionen umzugehen ist. Wenn jede Politik immer auch Emotionen erzeugt, spricht viel dafür, diesen Prozess zu reflektieren, ihn bewusst zu gestalten und vor allem demokratisch zu kontrollieren. Nicht das (kontrafaktische) Ideal einer emotionsneutralen Politik ist anzustreben, sondern demokratische Emotionspolitik.