Darmstadt, Luisenplatz (Foto: Sina Ettmer - AdobeStock)


Perspektiefe 55, Dezember 2021

Innenstadt als Reallabor entwickeln

WIRTSCHAFTLICHER WANDLUNGSPROZESS: Es ist Ende März 2020. Lockdown. Geisterstimmung in den Einkaufsstraßen von Darmstadt, Michelstadt, Mainz und Worms. Auf einmal war sie da, die Situation, die viele bereits seit Jahren immer wieder prophezeit hatten. Die Zukunft der europäischen Stadt, wie wir sie kennen und schätzen gelernt haben, steht von einem Tag auf den anderen zur Diskussion. Nicht mehr theoretisch und in Lehrveranstaltungen von Hochschulen oder in Referaten im Geografieunterricht der zehnten, elften oder zwölften Klasse, sondern real, vor unserer Haustür und an jedem Küchentisch zuhause bei den Familien, die ihren Lebens­unterhalt im Handel verdienen.

von: Dr. Daniel Theobald, Dr. Marina Hofmann, IHK Darmstadt Rhein Main Neckar, und Tim Wiedemann, IHK für Rheinhessen, Worms

 


„Und heute ist es uns allen offenbar: Der Ein­zelhandel hat seine Funktion als Frequenz­bringer für die Zentren verloren.“

Dr. Daniel Theobald

 

 

Die Corona-Pandemie hat jedem von uns gezeigt, unter welch enormem Druck unsere Innenstädte und Ortskerne stehen. Seit März 2020 haben wir ein Gefühl dafür ent­wickeln können, dass es um mehr geht als nur ein paar Schaufenster, die man einfach nur umdekorieren muss. Es geht um einen grundlegenden Stadtumbau, einen strukturellen Transforma­tionsprozess, der uns alle betrifft.

Warum? Weil es kein Selbstzweck ist, eine schöne Innenstadt oder ein attraktives Orts­zentrum zu haben. Diese Zentren haben schon immer ganz bestimmte Funktionen, auch wenn die sich von Generation zu Generation immer wieder gewandelt, weiterentwickelt haben.

Leere Schaufenster in Bestlagen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat man zu gleichen Teilen im Zentrum gearbeitet und Handel betrieben, also eingekauft. Auch gewohnt wurde wesentlich häufiger mittendrin, statt in reinen Wohn­­gebieten in Stadtrandlagen. In den 1950er- und 1960er-Jahren war der Handel, das Ein­kau­fen, bereits die dominierende Funktion und in den 1990er-Jahren spielten die Funktionen Woh­nen, gesellschaftliche Teilhabe und Kultur eine unter­geordnete Rolle. Umgekehrt kann man sagen:

In unseren Innenstädten wurde gehandelt, Geld umgesetzt, und das Flanieren, Bummeln und der Samstagsausflug in der Innenstadt hatten bei vielen Familien einen festen Platz im Wochenplan.
Dass das schon lange nicht mehr so ist, war uns vor der Corona-Pandemie schon unterschwel­lig klar. Auch, dass damit an vielen Orten das Ge­schäftsmodell für zahlreiche stationäre Einzel­händler nicht mehr auskömmlich funktionierte.

 

Weihnachtsmarkt in Michelstadt (Foto: Sina Ettmer - AdobeStock)


Und heute ist es uns allen offenbar: Der Ein­zelhandel hat seine Funktion als Frequenzbringer für die Zentren verloren. Der Handelsverband Deutschland (HDE) Standortmonitor zählte zwischen 2010 und 2019 39.000 Geschäftsaufgaben von stationären Einzelhändlern in deutschen Innen­städten. Und in diesem Jahr sind leere Schaufenster von großen Filialisten in Bestlagen von Großstädten auch in wirtschaftsstarken Regionen wie FrankfurtRheinMain oder Rhein-Neckar keine Seltenheit mehr.

Das alles ist aber nicht nur Folge von Corona, sondern auch von einem stetigen Anstieg des Onlinehandels. Bis 2024 prognostiziert das Institut für Handelsforschung an der Universität zu Köln (IFH) einen Anteil des Onlinehandels am Ein­zel­handelsumsatz von 16,5 bis 19,4 Prozent. In Euro ausgedrückt könnte der Onlinehandel Umsätze zwischen 120 und 141 Milliarden pro Jahr erwirtschaften (vgl. Branchenreport Onlinehandel 2020). Im Jahr 2020 waren es noch 83 Milliarden Euro, 20 Jahre davor weist die Statistik lediglich eine Milliarde Euro Einzelhandelsumsatz im Online­han­del aus (vgl. Statista). Es geht also nicht mehr um die Frage, ob das ein oder andere neue Gastro­nomiekonzept reicht, um Frequenz in den Orts­kernen zu erzeugen, und ob diese Frequenz auch den Gastronomen reicht, um die bis dato sehr teuren Mieten in den 1A-Lagen zu zahlen. Wir re­den über etwas Grundsätzlicheres: Wir müssen die Innenstadt neu erfinden, und zwar gemeinsam!


„Wir sind also mitten­drin in einem Wand­lungs­pro­zess, einer Transformation unserer Innen­städte. Diese Entwicklung gilt es mit Innovation und Mut nicht nur anzunehmen, sondern zu gestalten.“

Dr. Marina Hofmann

 

Leerstände als Chance begreifen

Wir sind also mittendrin in einem Wandlungs­pro­zess, einer Transformation unserer Innen­städte. Diese Entwicklung gilt es mit Innovation und Mut nicht nur anzunehmen, sondern zu gestalten. Das betrifft alle Innenstadtakteure: Unter­nehmer*innen, Stadt/Kommunalverwaltung, Immobilienbe­sitze­r*in­nen und die Nutzer*innen. Es ist eine gesellschaftliche Frage geworden.

Müssen wir also in Panik verfallen, wenn sich wieder ein Leerstand ankündigt? Auch wenn es kein schöner Anblick ist: Wir sollten jeden Leer­stand vor allem auch als Chance begreifen und nicht gelähmt vor den ausgeräumten Schau­fenstern stehen. Aus einer Chance und einer positiven Einstellung lässt sich Zukunft gestalten. Dafür braucht es mittel- bis langfristig angelegte Entwicklungskonzepte für die Innenstädte und Ortskerne, mit einem Fokus auf Multifunktionalität und unter Berücksichtigung von Alternativ­nut­zun­gen zum Handel. Angebote aus der Gastronomie, der Event- sowie Freizeit-, Tourismus- und Kon­gressbranche, der Kultur, der Hotellerie und der Wohnnutzung gilt es intelligent in die Konzepte zu integrieren. Ein Konzept ist aber noch keine gebaute Zukunft, die gesellschaftlich akzeptiert wird. Eine Stadt, eine Kommune ist gut beraten, weitere Akteure wie Unternehmen, IHKs oder Immobilien- und Standortgemeinschaften eng einzubinden und frühzeitig anzusprechen. Entscheidend wird es auch sein, Immobilieneigentümer*innen in die geplanten Prozesse einzubinden und davon zu überzeugen, dass die kurzfristige Gewinnmaxi­mierung genauso wenig nachhaltig ist wie langjährige Leerstände in guten Innenstadtlagen.

Es geht also um eine Art Selbstverpflichtung und Eigenverantwortung der betroffenen Akteure, die für den Erfolg von Entwicklungs- und Aufwer­tungsprojekten wichtig ist. Dabei werden wir zunehmend nicht einzelne Objekte, sondern ganze Quartiere in den Blick nehmen müssen und neue Nutzungskonzepte in einer Art Reallabor Innen­stadt ausprobieren. Damit ist gemeint, dass es Modellvorhaben geben muss, um die Funktionen Wohnen, Leben und Arbeiten neben Kunst, Kultur und den altbekannten Nutzungen Handel und Gastronomie vor allem baurechtlich miteinander in Einklang zu bringen. Damit sprechen wir auch über ein geschärftes Problemverständnis der Immobilieneigentümer*innen und der Akzeptanz von neuen und alten Bewohner*innen in nutzungsgemischten innerstädtischen Quartieren. Innovation heißt auch, dass man sich mal irren kann. Das ist aber etwas Gutes, wir können daraus lernen.

 

Mainz, Domplatz (Foto: Sina Ettmer - AdobeStock)


In diesem Reallabor Innenstadt muss nicht jede Idee und jeder kleine Umbau gleich für die Ewigkeit sein. Ganz im Gegenteil: Filialisierte Einkaufsstraßen zeigen uns, wenn wir ehrlich sind, schon lange, dass diese Art Stadt oder Orts­zentrum ausgedient hat. Wir empfinden es heute wenig städtebaulich attraktiv, überall gleich und wenig kreativ. Dass dieser Reallabor-Charakter bereits heute und auch in kleinen, ländlichen Struk­turen greifen kann, wissen wir schon länger. Pop-up-Stores oder Pop-up-Gastronomie finden in Leerständen oder attraktiven städtebaulichen Nischen ihren Platz, und vor allem auch Kun­d*in­nen. Die Konzepte funktionieren und locken auch Gäste aus den Großstädten „aufs Land“, wie Beispiele aus Erbach und Michelstadt im Oden­wald mit Pop-up-Biergärten oder -Museen eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben.

Aber auch tradiert daherkommende Standort- oder Werbegemeinschaften müssen nicht immer antiquar sein, und eine Einkaufsstraße kann auch heute noch funktionieren. Im Fall der Schulstraße in Darmstadt kann man sehen, wie Tradition und Moderne hervorragend nebeneinander funktionieren. Für Tradition stehen einfache, aber handwerklich hervorragende regionale/saisonale Gas­tronomie, Bioladen und Bäcker oder auch ein Fahrradladen. Für Moderne stehen Sneakerläden und hochwertige, ausgewählte und natürliche Männerpflegeprodukte.


„In Worms haben sich ver­schiedene Akteure […] auf den Weg gemacht, eine gemein­same Vision für die Wor­mser Innen­stadt der Zukunft zu erar­beiten und diese auch mit konkreten Maß­nahmen zu begleiten.“

Tim Wiedemann

 

Kunden auch zuhause abholen

Beide Einzelhandelskonzepte belegen, dass man mit erfolgreichen Onlinegeschäften auch vor Ort ein Zeichen setzen kann, das nicht nur gestalterisch wirkt, sondern auch in die digitale Welt reicht, indem es die Kund*innen dort abholt, wo sie sind – zuhause – und ihnen ein attraktives Angebot macht. Der Einkauf, der Shop, das Er­lebnis vor Ort kann es also auch heute noch wert sein, die Couch zu verlassen. Auch die Nutzung von Leerständen spielt für Innenstädte eine wichtige Rolle. Wie das „LuLu“ in Mainz zeigt, sind auch Zwischennutzungen mit einer klaren Posi­tionierung mit lokalem und regionalem Handel und Produkten eine Chance zur Belebung der Innenstadt. Das „LuLu“ bietet in den Räumen eines ehemaligen großen Kaufhauses in zentraler Lage in der Mainzer Innenstadt einen Nutzungsmix aus Kultur, Events, Handel und Gastronomie.

Zentral für den Erfolg der Innenstadt von morgen wird es sein, eine gemeinsame Idee aller Innenstadtakteure für „ihre“ Innenstadt zu finden. So haben sich beispielsweise in Worms ver­schiedene Akteure aus Handel, Gastronomie, Kultur, Tourismus, Events sowie der Stadtver­waltung, des Stadtmarketingvereins und der IHK auf den Weg gemacht, eine gemeinsame Vision für die Wor­mser Innenstadt der Zukunft zu erarbeiten und diese auch mit konkreten Maßnahmen zu begleiten.

Es geht also. Innenstadt kann auch in Zukunft noch einen Wert haben. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wofür der Weg ins Ortszentrum auch in Zukunft noch gerne und regelmäßig gegangen wird. Klar ist aber auch, dass sich die In­nenstädte nicht von alleine oder nur markt­ge­trieben neu erfinden werden. Zumindest nicht so, dass sie in der Breite akzeptiert werden. Wir sind am Anfang eines Prozesses, in dem wir uns alle gemeinsam als Innenstadtakteur*innen begreifen können und den wir aktiv mitgestalten dürfen. Wie das aussehen kann, das sehen wir an vielen Or­ten. Es werden Fördergelder von Bund und Land ausgelobt, Innenstadtbudgets und Innen­stadt­lotsen eingestellt. Mit Heimatshoppen unterstützen die Industrie- und Handelskammern (IHK) bundesweit Aktionen rund um die Innenstadt und machen positiv auf den stationären Ein­zel­handel, aber auch auf den Wert unserer Ortskerne als Treff­punkt und Platz des Austau­sches aufmerksam.

Dass es dabei aber auch um konsumferne Nutzungen gehen kann und wir als IHK auch gerne bereit sind, die bereits gestellten grundsätzlichen Fragen gemeinsam zu diskutieren, zeigen Projekte in Kooperation mit der Hochschule Darm­stadt und der Schader Stiftung in Darmstadt. In einem über ein halbes Jahr angelegten Prozess erarbeiten wir gemeinsam mit Bürgermeiste­r*in­nen, Gewerbevereinen und weiteren Innenstadt­ak­teur*innen und unter wissenschaftlicher Beglei­tung Szenarien zur Zukunft von Innenstädten und Ortszentren der Region Rhein Main Neckar. In klei­neren Projekten arbeiten wir zudem mit Stu­dierenden zusammen, um kreative, aber realistische, da zeitnah realisierbare Lösungen für die gestalterische Aufwertung des öffentlichen Raums zu erarbeiten. In Dieburg zum Beispiel wurden die Entwürfe der Studierenden nicht nur auf dem Marktplatz ausgestellt und diskutiert, sondern auch gemeinsam mit Politik erörtert.

Mit sogenannten Innenstadtbänken wollen wir vor Ort etwas bewegen. Entwürfe und die außergewöhnlichen Bänke selbst wurden im Rahmen einer Lehrveranstaltung der Hochschule von Stu­die­renden selbst realisiert. Die Ergebnisse lassen sich zum Beispiel in Darmstadt, Groß-Gerau, Bensheim oder Erbach ausprobieren und haben in den seltensten Fällen etwas mit einer gewöhnlichen Parkbank zutun. Die Idee dahinter ist simpel: Die Leute sollen sich Gedanken machen, sich fragen „Was ist das hier eigentlich?“ und darüber ins Gespräch kommen. Die Hoffnung dabei ist natürlich, dass damit auch immer ein Stück Selbst­reflektion verbunden ist und sich das Gespräch um die Innenstadtbank Stück für Stück zu einem strukturierten Diskurs um die Zukunft der In­nenstadt erwächst. Oder es entwickelt sich hier und da eine Bewegung, die in Leerständen mutig ausprobiert, was das Ortszentrum der Zukunft denn an Nutzungen gebrauchen könnte. 

 

Dom St. Peter zu Worms (Foto: Mathias Weil - AdobeStock)