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18.12.2020
Landwirtschaft

Wir verlieren die bäuerlichen Familienbetriebe!

Zur Situation in der Landwirtschaft

von Dr. Maren Heincke, Referat Stadt- und Landentwicklung, ZGV

Innerhalb des deutschen Agrarsektors gibt es eine große Spreizung der Realeinkommen aus landwirtschaftlicher Tätigkeit. Als grobe Faustformel gilt: etwa ein Viertel liegt unterhalb der Armutsgrenze, die Hälfte im Bereich des bundesweiten Einkommensdurchschnitts, ein Viertel oberhalb des Durchschnitts.
Das variiert jedoch zusätzlich sehr stark je nach Bundesland sowie nach Betriebstyp (Bsp. Sonderkulturbetriebe versus Milchviehbetriebe, Haupt- oder Nebenerwerbsbetrieb).
Laut Testbetriebsnetz lag das Einkommen der Nebenerwerbsbetriebe im Wirtschaftsjahr 2017/2018 bei 17.775 Euro je Arbeitskraft (AK), das der Haupterwerbsbetriebe bei 37.618 Euro je AK. Das Einkommen der Betriebe juristischer Personen (z. B. Genossenschaften) lag 2017/2018 über dem der Haupterwerbsbetriebe, bei 40.023 Euro je AK. In Hessen kann man von 24-30.000 Euro Einkommen/Jahr AK ausgehen.

Akute Einkommenskrise in der Landwirtschaft – bundesweite Traktor-Demonstrationen

Die eigene Betriebsleiterentlohnung liegt bei einigen Landwirtschaftsbetrieben bei harter Berechnung ständig unter dem Mindestlohn. Zudem verzichten oft mithelfende Familienangehörige jahrelang auf eine angemessene Entlohnung - das stellt eine Form der Selbstausbeutung dar.
In der akuten Krise kann jedoch kaum ein Tierhalter kostendeckend produzieren – auch wenn er seine Betriebsabläufe optimiert hat. Für Schweinefleisch und Milch erhalten die Landwirte noch nicht einmal mehr ihre Erzeugerkosten, schreiben also monatelang Rote Zahlen.
Zur Zeit laufen Verhandlungen mit den Lebensmittelverarbeitern und dem Lebensmitteleinzelhandel über ein faireres Preisgefüge für die Erzeuger.
Bei den Schweinehaltern und Ferkelerzeugern kommen mehrere Krisen gleichzeitig zusammen: aufgrund der Corona-Krise ging der Verbrauch von Schweinefleisch in den Gemeinschaftsverpflegungen und Gastronomie stark zurück.
Nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Ostdeutschland im Herbst hat China als größter ausländischer  Abnehmer von deutschen Schweinefleisch einen Importstopp verhängt. Da Deutschland einen Selbstversorgungsgrad von ca. 130 % bei Schweinefleisch hat, entsteht so ein sehr großes Absatzproblem und Preisverfall durch Überangebot.
Die Schweinehalter müssen außerdem ständig befürchten, dass ihr Betrieb – trotz hoher Sicherheitsmaßnahmen - zukünftig ebenfalls von der Afrikanischen Schweinepest heimgesucht werden wird. Als Folge müssten dann ihre Schweinbestände vollständig gekeult werden. Diese Anspannung zehrt permanent an den Nerven.
Aufgrund der großen Corona-Ausbrüche in deutschen Schlachthöfen sind zudem die Schlachtkapazitäten deutlich reduziert worden, was wiederum zu einem „Schweinestau“ sowie „Ferkelstau“ führt. Das ganze System kann nicht einfach gestoppt werden, die Sauen sind bereits trächtig.
Sehr viele kleine und mittlere Schweinehalter überlegen, ihre Tätigkeit ganz einzustellen, da diese Krise über den normalen „Schweinezyklus“ hinausgeht. Hinzu kommen neue Auflagen wie die Beendigung der Kastenstandhaltung von Sauen. Ältere Sauenhalter können und wollen die notwendigen Investitionen nicht mehr tätigen.
Auch die Milchviehhalter sind in einer akuten Krise. Bereits seit Jahren verdienen die Milchbauern nicht genug.  Die Geflügelpreise sind ebenfalls ruinös.
Problematisch ist derzeit das Marktüberangebot, das zum Preisverfall stark beiträgt. Hinzu kommt die Oligopolbildung im Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Die großen LEH-Ketten können aufgrund ihrer Marktmacht die Preise diktieren.  Demgegenüber sind viele Landwirte einzelbetrieblich organisiert. Aber auch Genossenschaften stoßen an ihre Grenzen bei den aktuellen Preisverhandlungen.  Die Globalisierung der Weltagrarmärkte spielt ebenfalls mit hinein.

Strukturbruch droht statt langsamer Strukturwandel - existenzielle Krise der Landwirtschaft

Es ist absehbar – sollten sich die Erzeugerpreise nicht bald erhöhen - dass viele kleinere und mittlere bäuerliche Familienbetriebe aufgeben müssen. Diese Betriebe fallen dann aus der Wertschöpfungskette raus. Zu befürchten ist, dass Kapitalgesellschaften die Marktanteile übernehmen werden und damit eine weitere Marktmachkonzentration im Agrarsektor stattfinden wird.

Verzweiflung der Landwirte

Viele Landwirte sind tatsächlich verzweifelt. Neben der Einkommenskrise haben sie starke Zukunftssorgen. Was bedeutet die Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU für sie? Welche Auswirkungen haben nationale Gesetzgebungsverfahren zu Düngung, Insekten-, Klima-, Biodiversitäts- und Gewässerschutz?

Viele Landwirte sind in der Schuldenfalle aufgrund von Großinvestitionen

Die deutsche Landwirtschaft ist – auch im EU-Vergleich - sehr leistungsfähig und hat in den letzten Jahren im Milch- und Fleischsektor stark auf Exporte auf ausländische Märkte gesetzt. Um Höchstleistungen zu erreichen, haben sich viele Landwirte hoch verschuldet bei Investitionen in Stallneubauten, Melkrobotern und anderen Technologien. Sie können jetzt nicht einfach aussteigen, da sie sonst die z. T. sehr hohen staatlichen Zuschüsse z. B. für Stallbauten zurückzahlen müssten.  
Trotz ihrer extrem guten Arbeitseigenschaften - die in anderen Wirtschaftssektoren hohe Erfolgsgarantien bieten würden -   bleiben viele Landwirte deshalb in der „landwirtschaftlichen Tretmühle“.
Hinzu kommt das Gefühl, als selbständiger Unternehmer nicht einfach in ein abhängiges Erwerbsverhältnis wechseln zu wollen. Das dies einem „gesellschaftlichen Abstieg“ gleich käme. Oft wäre dieser Wechsel jedoch eine gute Chance, auf ein stabiles Einkommen, geregelte Arbeitszeiten und höhere Lebensqualität.
Der letzte in einer langen Generationen-Kette
In bäuerlichen Familienbetrieben galt über Jahrhunderte hinweg, dass die Betriebsleiter den Hof so aufbauen, dass die nächste Generation ihn übernehmen und fortführen kann und will. Der enorme Zeit- und Arbeitskrafteinsatz  der bäuerlichen Familien ergibt oft überhaupt nur dann einen Sinn, wenn die Betriebsnachfolge gesichert ist.
Heute sind viele Landwirte ökonomisch gezwungen - trotz hohem Wissen und persönlichem Einsatz – ihre Betriebe aufzugeben. Die Globalisierung der Agrarmärkte und die dadurch fundamental veränderten Rahmenbedingungen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Im Selbstverständnis der Landwirte tragen sie jedoch selber die Verantwortung dafür, dass nach sehr vielen Generationen sie das „Licht ausmachen“ müssen. Das erzeugt u. a. Schuld- und Versagergefühle.
Hinzu kommen oft harte Lebensbilanzen: extrem viel gearbeitet - Gesundheit, Ehe, Freundschaften, Freizeit etc. geopfert – und trotzdem verloren.
Hilfe und Unterstützung können Landwirtinnen und Landwirte u. a. die Landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen, landwirtschaftlichen Sorgentelefonen oder die Krisenhotline der Landwirtschaftlichen Sozialversicherungen bekommen.

Zukunftshoffnung fehlt

Während früher Landwirte ihren Söhnen (zunehmend auch Töchtern) die Betriebsübernahme empfohlen oder es sogar ganz selbstverständlich erwartet haben, hat sich das in den letzten Jahren fundamental gewandelt: viele raten ihren Kindern aus Pessimismus von der Landwirtschaft ab.
Andere stehen sehr zwiespältig davor, wenn ihre Kinder gerne in die Landwirtschaft einsteigen wollen und Freude an der Tätigkeit zeigen. Einerseits sind die Bauern stolz darauf, andererseits haben sie Angst, dass die eigenen Kinder in einer beruflichen Sackgasse landen werden.

Kampf mit dem Bürokratie-Monster

Vor allem die sehr komplexe, schwierige und praxisferne Bürokratie sowie diverse gesetzliche Detail-Auflagen machen den Landwirten das Leben schwer. Landwirte müssen sehr viel Zeit dafür aufbringen und haben bei staatlichen Kontrollen oft das Gefühl, ihnen würde Betrug unterstellt. Die Bürokratie zerstört außerdem die sehr stark ausgeprägte Arbeitsfreude der Landwirte.
Ein echter Schnitt im agrarischen Paragraphen-Dschungel ist nötig. Der Gordische Knoten sollte durchschlagen werden. Bei einem Neuanfang sollte eine  Konzentration auf wesentliche Gesetzesinhalte erfolgen. Starke Verstöße sollten allerdings auch hart und konsequent staatlicherseits sanktioniert werden.

Gefühl mangelnder gesellschaftlicher Wertschätzung unter Landwirten verbreitet

Gefühlt sehen sich viele Landwirte bei Fragen des Umwelt- und Tierschutzes ungerechtfertigt an den Pranger gestellt. Aus ihrer Sicht werden andere wichtige Ursachen für Umweltprobleme wie Verkehr, Industrie, Freizeitverhalten, Massenkonsum, etc. ausgeblendet.
Landwirte sehen sich deshalb als gesellschaftliche Sündenböcke, was insbesondere über die landwirtschaftlichen Sozialen Medien verstärkt wird.   
In der Tat skandalisieren viele Medien die Zustände in der Landwirtschaft und arbeiten mit drastischen Vereinfachungen und Verallgemeinerungen. Die Berichterstattung über die Landwirtschaft muss deshalb sachlicher und differenzierter werden. Positive Praxisbeispiele und Lösungsansätze sollten neben Problemlagen vorgestellt werden.
Gleichzeitig sollten die Landwirte sich selbstkritisch fragen, ob sie nicht zu lange die „Schwarzen Schafe“ in den eigenen Reihen geschützt haben. Problemverleugnung führt dazu, dass die Defizite immer weiter anwachsen und ein gesellschaftlicher Vertrauensverlust in den Berufstand entsteht.
Außerdem führt negativ geprägtes, sich selbst verstärkendes Wagenburgdenken leider oft dazu, dass das eigentlich positive Image der Landwirte in der Gesellschaft gar nicht mehr wahrgenommen wird.
Bei Umfragen zu den wichtigsten Berufsgruppen steht der Landwirt zumeist unter den 5 wichtigsten Berufen neben Ärzten, Lehrern, Polizisten etc. . Einem Großteil der Bevölkerung ist also durchaus bewusst, wie existentiell wichtig die Arbeit der Landwirte ist.

Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln

Die Corona-Krise hat die fundamentalen Risiken und Grenzen der Globalisierung drastisch aufgezeigt. Zum Beispiel hängt in Deutschland die Medikamentenversorgung extrem stark von der Produktion der notwendigen Grundstoffe in Indien ab. Seit Jahren kommt es dadurch in Deutschland zu Lieferengpässen bei lebenswichtigen Medikamenten. Für ein Industrieland ein einziger Skandal!
Eine gesicherte, bezahlbare Lebensmittelversorgung  ist ebenso zentral für das Funktionieren einer Gesellschaft. Deutschland war mehrere Jahrzehnte lang  – bis jetzt - eine Überflussgesellschaft. Etwa ein Drittel der Lebensmittel landen im Mülleimer. Die Spottpreise für Lebensmittel verstärken das Wegwerfdenken. Der besondere Wert der Lebensmittel ist bei den jüngeren Generationen nur noch wenig im Bewusstsein.
Eine regionale, nationale oder EU-weite Absicherung der einheimischen Bevölkerung mit Lebensmitteln stand zu Beginn der Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) als politisches Ziel im Vordergrund.  
Die GAP hat zwar auch viele Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft begünstigt.  Das Ziel Versorgungssicherheit gewinnt in einer zunehmend „unruhigen Welt“ jedoch wieder an großer Bedeutung.
Neben dem Klimawandel, Biodiversitätsverlusten, Bodendegradierung etc. gehören auch Handelskriege, Pandemien, massive Oligopolbildungen im Agrarsektor etc. zu den steigenden Risiken für die weltweite Ernährungssicherheit. Weltweit steigt die Anzahl unterernährter Menschen u. a. aufgrund der Corona-Folgen wieder stark an.

 

Multifunktionalität der Landwirtschaft

Die Multifunktionalität der Landwirtschaft ist vielen nicht bewusst. Neben der Produktion von Nahrung, Futter und Nachwachsenden Rohstoffen trägt die Landwirtschaft insbesondere in den Mittelgebirgsstandorten entscheidend zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. Ohne die Landwirtschaft würden die Flächen verbuschen. Das schadet u. a. dem Tourismus.
Artenreiches Grünland ist zudem ein wichtiger „Biodiversitätsschatz“. Zahlreiche Pflanzen- und Tierarten sind dort auf die Mahd oder Beweidung angewiesen, um überhaupt existieren zu können. Diese „Grünlandspezialisten“ stehen zunehmend unter Druck, da Extensivgrünland als Biotoptyp flächenmäßig abnimmt.
Nur über eine staatliche Förderung kann dieses extensives Grünland weiter bewirtschaftet werden. Die normalen Deckungsbeiträge reichen dafür nicht aus. Hier geht es deshalb nicht um staatliche Subventionen sondern um die Honorierung einer gesellschaftlich erwünschten Leistung (Landschaftspflege und Biotoperhalt).

 

Tiergerechtere Haltungsverfahren  

Weidegang oder Weidehaltung von Nutztieren auf Grünlandstandorten ist außerdem ganz besonders tiergerecht (Milchvieh, Mutterkuhhaltung, Schafe, Ziegen). Entsprechend ihrer Art lieben Wiederkäuer das Grasen, das Wiederkauen, das Laufen, die frische Luft, die Sonne etc..
Die Tiere auf der Weide zeigen ihr entspanntes Wohlbehagen im Gruppenverband deutlich. Befreundete Tiere oder Tiermütter und ihre Nachkommen liegen Kopf an Kopf gelassen wiederkauend beieinander.
Die Gesellschaft fordert – berechtigt – Verbesserungen in der Nutztierhaltung. Der Umbau der Ställe sowie die sich daraus ergebende permanente Mehrarbeit der Nutztierhalter müssen jedoch gesellschaftlich konstant mitfinanziert werden.  
Gerade jetzt verlieren wir durch das Wegsterben der bäuerlichen tierhaltenden Betriebe ein sehr großes Potential für eine zukunftsfähige Tierhaltung in Deutschland. Einmal geschlossene Höfe werden nie wieder eröffnet. Und es geht das spezifische bäuerliche Ethos verloren, Nutztiere „anständig“ zu behandeln. Nutztiere werden dabei weder als reine Kaptal-Objekte noch als Kuscheltiere betrachtet.
Gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Zustand der Landwirtschaft
Fazit: die Billigpreise von Lebensmittel beruhen auf der Ausbeutung der Tiere, der Umwelt und der menschlichen Arbeitskraft (Landwirtschaft, Erntehelfer, Schlachtereien, …) .
Es besteht eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für den Zustand der Landwirtschaft. Die gesamte Kette muss betrachtet werden. Jedes Kettenglied trägt Eigenverantwortung  von den agrarpolitischen Rahmenbedingungen über die Landwirtschaft, den vor- und nachgelagerten Bereichen bis hin zum Verbraucher.

 

Hilfsangebote für Menschen in der Landwirtschaft

Rund um die Uhr Krisenhotline der SVLFG
Die Sorge um den Betrieb, Stress am Arbeitsplatz, Konflikte in der Familie, kritische Lebensereignisse – irgendwann wird es einfach zu viel, um mit Belastungen alleine fertig zu werden.
Ein Team aus erfahrenen Psychologen und psychiatrischen Fachpflegekräften steht Ihnen rund um die Uhr mit einer telefonischen Krisenhotline beratend und anonym zur Seite.
KRISENHOTLINE der SVLFG
Tel.: 0561 785 – 10101
24 Stunden und 7 Tage die Woche
https://www.svlfg.de/krisenhotline

https://www.svlfg.de/krisenhotline

Familie&Betrieb - Ländliche Familienberatung in Hessen

ist eine Beratungseinrichtung für Menschen aus Betrieben der Landwirtschaft und dem ländlichen Raum. Träger ist die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
Telefon: 06691-23008
Montag bis Freitag, jeweils von 9.15 - 13.00 Uhr
https://www.familieundbetrieb-hessen.de/

 

Telefonseelsorge
Telefon, Email, Chat : anonym, kostenfrei und rund um die Uhr.
https://www.telefonseelsorge.de/
Per Telefon 0800 / 111 0 111 , 0800 / 111 0 222 oder 116 123
per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de